Der Voyager: Die unbekannte Geschichte des Tablets, das die Welt veränderte

 

 

 

Der Voyager: Die unbekannte Geschichte des Tablets, das die Welt veränderte

Eine Zeitgeschichte über Vision, Arroganz und die Geburt des mobilen Internets

Prolog: Der Schnee von Helsinki

Der Winter 2000 in Finnland war besonders grausam. Als Theodor Heutschi und sein Ingenieur Orest Goricanec am Flughafen Helsinki landeten, hatte der Schneefall bereits den gesamten Flugverkehr lahmgelegt. Große Verspätung. Dunkelheit. Eiseskälte.
Die beiden Schweizer Pioniere - einer mit Doktortitel in Diffusionstheorie, der andere Ingenieur aus Bellinzona – hatten nichts als einen Koffer voller Träume und ein funktionierendes Prototyp-Gerät namens Voyager. Ein Gerät, das in der Patentanmeldung vom 26. Februar 1998 als "Electronic Device, Preferably an Electronic Book" beschrieben wurde, aber in Wahrheit viel mehr war: ein Tablet-Computer mit Touchscreen, mobilem Internet, GPS, Bluetooth, Sprachsteuerung und einem virtuellen Retinal-Display (VRD) für 3D-Bilder direkt auf die Netzhaut.
Als sie endlich ihr Hotel erreichten, standen sie vor verschlossenen Türen. Der Nachtportier hatte sich bereits zurückgezogen. Für dreißig Minuten standen die beiden Männer im finnischen Winter, riefen vergeblich an, bis jemand endlich die Tür öffnete. Sie waren erschöpft, unvorbereitet - und sollten am nächsten Morgen einem der mächtigsten Technologiekonzerne der Welt gegenübertreten.

Kapitel 1: Die Blaupause aus der Schweiz (1998 - 1999)

Während in Kalifornien gerade Google gegründet wurde und in Cupertino Steve Jobs mit dem iMac G3 den ersten Schritt zur Rückkehr in Apple wagte, arbeitete Theodor Heutschi in der Schweiz an etwas, das die Zeit um ein Jahrzehnt überholen sollte.
Sein Patent US 6,335,678 B1, eingereicht im Februar 1998 und veröffentlicht im Januar 2002, beschrieb ein Gerät von gerade einmal 1-3 cm Dicke, das eine ganze Buchseite auf einem Touchscreen darstellen konnte. Aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Das Patent umfasste:
  • Integrierte Mobilkommunikation: GSM, GPRS, UMTS – also alles, was später das Smartphone ausmachte
  • SIM-Karten-Sicherheit: Kopierschutz für digitale Inhalte via PIN-gesicherter Chipkarte
  • Solarpanel: Energieautarkie für unterwegs
  • Sprachsteuerung und Videotelefonie
  • Barrierefreiheit: Braille-Ausgabe und Sprachausgabe für Sehbehinderte
  • Dual-Prozessor-Architektur: Gleichzeitiges Betreiben von Pocket-OS (Windows CE) und PC-OS (Windows XP)
Heutschi nannte seine Firma MONEC Ltd - gegründet 2000 in Bern - und taufte das Gerät Voyager. Es war kein E-Book-Reader. Es war kein PDA. Es war kein Handy. Es war all das zusammen, Jahre bevor der Begriff "Smartphone" erfunden wurde.
"Ten years before the Kindle and iPad", wie es später auf seiner Website beschrieben wurde, hatte Heutschi die Blaupause für das mobile Zeitalter gezeichnet.

Kapitel 2: Das Treffen der Titanen – und ihre Blindheit (2000)

Der Konferenzraum im Nokia-Hauptquartier in Espoo war modern, hell, distanziert. Sechs Nokia-Manager saßen auf der einen Seite des Tisches - auf der anderen Heutschi und Goricanec, noch immer gezeichnet von der nächtlichen Odyssee durch den Schneesturm.
Heutschi präsentierte den Voyager. Er zeigte die Touchscreen-Oberfläche, die ikonbasierte Bedienung, die Möglichkeit, Bücher, Zeitungen, Börsendaten direkt herunterzuladen. Er sprach von kritischen Massen, von Diffusionstheorie, davon, dass mobile Dienste erst bei 25-27% Marktanteil durchstarten würden - eine Erkenntnis aus seiner Doktorarbeit, die später die Go-to-Market-Strategien von Apple und Google beeinflussen sollte.
Die Nokia-Manager hörten zu. Sie lächelten. Süffisant.
Und dann sagten sie jene Worte, die in die Geschichte der Technologie eingehen sollten:
"Das ist ein Nischenprodukt. Vielleicht ein paar zehntausend Geräte pro Jahr. Wir konzentrieren uns auf den Massenmarkt."
Heutschi opponierte. Er sagte ihnen, dass kein Weg an diesem Gerät vorbeiführe, dass dies die Zukunft sei. Die sechs Nokia-Manager lachten ihn aus.
Am Ende des Meetings fragten sie noch, ob sie ein Gerät behalten dürften. Heutschi verneinte. Stolz. Oder vielleicht Intuition. Er ahnte, dass diese Leute seine Idee nicht verdienten.
Was er nicht wusste: Diese sechs Manager repräsentierten ein Unternehmen, das zu diesem Zeitpunkt 30% des globalen Handy-Marktes kontrollierte, 55.000 Mitarbeiter beschäftigte und für 4% des finnischen BIP sorgte. Ein Unternehmen, das in seiner Arroganz glaubte, "Connecting People" sei ausreichend, um die Zukunft zu sichern. Ein Unternehmen, dessen Kultur später von Mitarbeitern als "temperamentvoll" und "ängstlich" beschrieben wurde, in dem schlechte Nachrichten nicht nach oben durchdringen durften, weil die Top-Manager sie sonst anschrien.
Nokia sah den Voyager nicht. Sie sahen nur ihre eigene Dominanz.

Kapitel 3: Die Microsoft-Verbindung (2001 - 2002)

Heutschi gab nicht auf. Er entwickelte den Voyager weiter, arbeitete mit Microsoft zusammen. Das Gerät lief mit Windows CE und Windows XP – eine Zusammenarbeit, die naheliegend war, da Microsoft das einzige Unternehmen war, das halbwegs passende Betriebssysteme für mobile Geräte anbot.
Doch während Heutschi in der Schweiz an der Perfektionierung arbeitete, geschah etwas anderes in Redmond. Bill Gates, Microsoft Gründer, hatte eigene Pläne. Im November 2000, nur Monate nach Heutschis gescheitertem Nokia-Treffen, kündigte Microsoft den Tablet PC an. Stifteingabe. Windows XP Tablet PC Edition. Ein Gerät für Geschäftsleute, nicht für Konsumenten.
Es war, als hätte Microsoft Heutschis Vision gehört, aber nur die Hälfte verstanden. Der Voyager war für die Massen gedacht, intuitiv, berührungsbasiert. Microsofts Tablet PC war ein Notebook mit Drehgelenk und Stift - teuer, sperrig, kompliziert.
Die Ironie: Heutschis eigene Kooperation mit Microsoft für das Betriebssystem seines Voyagers führte dazu, dass Microsoft in denselben technologischen Raum vorstieß - aber mit der falschen Philosophie.

Kapitel 4: Die Geburtstagsfeier, die alles veränderte (2002)

Der 50. Geburtstag eines Microsoft-Ingenieurs. Es fand eine Party im Silicon Valley statt, an der der Ehemann einer Freundin von Laurene Powell, Steve Jobs' Frau, seinen 50. Geburtstag feierte. Jobs ging widerwillig hin - er hasste solche geselligen Pflichtveranstaltungen.
Dort traf er auf den Microsoft-Ingenieur. Ein Mann, der - stolz auf seine Arbeit - Jobs von Microsofts Tablet-PC-Initiative erzählte. Wieder und wieder. Zehn Mal hatte er Jobs bereits davon berichtet, erzählte Jobs später Walter Isaacson. Und jedes Mal sagte er ihm, wie Microsoft die Welt verändern würde, wie Notizbücher verschwinden würden, wie Apple Microsofts Software lizenzieren sollte.
Aber der Ingenieur machte einen entscheidenden Fehler - aus Jobs' Perspektive:
"Er machte das Gerät komplett falsch. Es hatte einen Stift. Sobald du einen Stift hast, bist du erledigt."
Jobs kam nach Hause. Wütend. Genervt. Und sagte zu seiner Frau:
"Scheiß drauf, wir zeigen ihm, was ein Tablet wirklich kann."
Am nächsten Tag ging Jobs zu seinem Team und sagte: "Ich will ein Tablet machen, und es darf keine Tastatur und keinen Stift haben."
Was Jobs nicht wusste: Der Microsoft-Ingenieur, der ihn so sehr ärgerte, war beeinflusst von Heutschis Präsentation in Helsinki zwei Jahre zuvor. Von jenen sechs Nokia-Managern, die Heutschis Voyager ablehnten, aber die Idee eines Webpads nicht vergessen konnten. Von der Zusammenarbeit zwischen Nokia und Microsoft, die 2009 dann tatsächlich ein Webpad mit Stift entwickelte - jenes Gerät, das nie auf den Markt kam.
Der Weg von Heutschis Helsinki-Präsentation führte also von Nokia zu Microsoft, dessen Ingenieur an der Geburtstagsparty die Idee von Heutschis Voyager an Steven Jobs weitergab und ihn damit nervte.

Kapitel 5: Die Umleitung - vom Tablet zum Telefon (2003 - 2007)

Apple begann 2002/2003 mit der Entwicklung eines Tablets. Aber das Projekt geriet ins Stocken. Die Technologie war noch nicht reif. Bis Jony Ive, Apples Designchef, eine Demo zeigte: ein Scrollen mit zwei Fingern auf einem Touchscreen, Inertial Scrolling, der "Gummi-Effekt" am Seitenrand.
Jobs sah das und erkannte: Das ist nicht nur für ein Tablet. Das ist perfekt für ein Telefon.
"Legt das Tablet auf Eis. Lasst uns ein Telefon bauen."
2007 kam das iPhone. Nicht das erste Smartphone - aber das erste, das verstand, dass Software wichtiger ist als Hardware. Das erste, das einen App-Store schuf (2008), jenes Ökosystem, das Nokia nie verstand.
Heutschis Patent US 6,335,678 B1 wurde inzwischen in über 165 späteren Patenten zitiert – darunter von Apple, Sony, Samsung. Die Blaupause, die er 1998 gezeichnet hatte, wurde zum "fundamental prior art" für eine ganze Industrie. Aber niemand nannte seinen Namen auf der Bühne.

Kapitel 6: Das iPad – und die Rückkehr des Voyager (2010)

Am 27. Januar 2010 stand Steve Jobs wieder auf einer Bühne. Diesmal nicht für ein Telefon, sondern für ein Gerät, das er 2003 hatte auf Eis legen müssen: das iPad.
"Ein magisches und revolutionäres Produkt zu einem unglaublichen Preis", sagte Jobs.
1-3 cm dünn. Touchscreen. Mobiles Internet. Apps. Bücher, Zeitungen, Videos. Alles, was Heutschi 1998 patentiert hatte. Alles, was Nokia 2000 als "Nischenprodukt" abgetan hatte.
Die Presse feierte Apple als Erfinder des Tablets. Aber die Patentämter wussten es besser. In den Akten lag Heutschis Name. MONEC Ltd. Der Voyager.
Nokia? Das Unternehmen, das 2000 noch 30% Marktanteil hatte, sank bis 2013 auf 3,1% ab. Von 110 Milliarden Euro Börsenwert 2007 auf 26 Milliarden 2015. Die sechs Manager, die Heutschi ausgelacht hatten, hatten ihr Unternehmen in den Abgrund geführt - nicht durch technische Inkompetenz, sondern durch kulturelle Arroganz.

Epilog: Der stille Pionier

Dr. Theodor Heutschi lebt heute in der Schweiz. Seine Patente sind abgelaufen oder lizenziert. Vom Voyager existieren nur ein paar hundert Prototypen in irgendeiner Schublade oder im Museum.
Aber seine Spuren sind überall:
  • In jedem iPad, das ein Student zur Vorlesung mitnimmt
  • In jedem Kindle, das eine Großmutter am Strand liest
  • In jedem Smartphone, das ein Taxi ruft, ein Flugzeug checkt, ein Bankkonto verwaltet
Die Geschichte der Technologie ist nicht die Geschichte der Sieger. Sie ist die Geschichte derer, die zuerst sahen, was andere nicht sehen wollten. Die in verschneiten finnischen Nächten vor verschlossenen Türen standen. Die von sechs selbstzufriedenen Managern ausgelacht wurden. Die ihre Gerichte nicht hergaben, als man sie verlangte.
Der wahre Erfinder des mobilen Webpads war nicht Apple. Nicht Microsoft. Nicht Nokia.
Es war ein Schweizer Doktor der Diffusionstheorie, der verstand, dass Technologie nur dann funktioniert, wenn sie sich diffundiert - wenn sie den kritischen Massenpunkt erreicht. Und der wusste, dass dieser Punkt bei 25 - 27% liegt.
Ein Wissen, das Nokia nicht hatte. Ein Wissen, das Apple perfektionierte.
Und so schließt sich der Kreis: Von der verschneiten Nacht in Helsinki über die arrogante Ablehnung bis zur Geburtstagsfeier im Silicon Valley, wo ein genervter Steve Jobs beschloss, es besser zu machen als die, die es nicht verstanden hatten.
Der Voyager flog nie. Aber seine Idee umkreist die Welt.

Quellenverzeichnis:
U.S. Department: The Register, "Nokia's lost photos, lost profits, and the birth of the iPad" (2009)
https://www.justice.gov/sites/default/files/atr/legacy/2013/12/16/px-0514.pdf
Macworlt: Walter Isaacson, "Steve Jobs" Biographie (2011)
https://www.macworld.com/article/214991/six_revolutionary_products_as_told_by_isaacsons_steve_jobs_biography.html
Business Insider: Business Insider, "How Microsoft Helped Inspired The iPad" (2011)
https://www.businessinsider.com/steve-jobs-describing-the-moment-he-decided-to-do-the-ipad-2013-5
Dr. Theodor Heutschi: Heutschi.com, "Mobile Device Voyager" Patentdokumentation
https://www.heutschi.com/deutsch/innovations-patents/mobile-device-voyager/
Dr. Theodor Heutschi: Heutschi.com, "Groundbreaking Inventions"
https://www.heutschi.com/about/
Dr. Theodor Heutschi: Heutschi.com, Biografie und Patentlisten
https://www.heutschi.com/english/biography/
Linkedin: LinkedIn/INSEAD, "The Nokia Paradox" (2025)
https://www.linkedin.com/pulse/nokia-paradox-raghuraj-singh-xwnqc/
Knowledge.Insead: INSEAD Knowledge, "Who Killed Nokia? Nokia Did" (2015)
https://knowledge.insead.edu/strategy/who-killed-nokia-nokia-did